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Mär 21
2008
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Von Reisfeldgräbern bis Hundefleisch- Eine Austauschstudentin in einer neuen Welt Ein Semester lang trennte ich mich von der Europäischen Fachhochschule in Brühl bei Köln, um mich in mein Abenteuer in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi zu stürzen. Dort besuchte ich die Foreign Trade University (FTU), wo ich auch in meinem Auslandssemester Handelsmanagement weiter studieren konnte.
Der Kulturschock, der mir dort begegnete, kam häppchenweise. Eigentlich eher in Wellen. Die sehen dann so aus: Erst ist man überwältigt von der Schönheit des Landes und dem Lächeln der Menschen, dann schockieren sie mit einer sonderbaren Einstellung oder einer nervenden Angewohnheit und als letztes (wenn man Geduld und Willen zeigt) lassen sie einen verstehen. Danach ist man auch schon wieder überwältigt von der Schönheit des Landes und dem Lächeln der Menschen.
Das größte Abenteuer zu Beginn meines fünfmonatigen Aufenthalts war die Sprache. Gemeinsam mit meinem vietnamesischen Vater hatte ich es bis dahin zu einem Wortschatz von immerhin drei Wörtern gebracht. Etliche Vietnamesen können ein paar Brocken Englisch, die Älteren ein wenig Französisch, die aber so vietnamesisch klingen, dass man sie erst mit körpersprachlicher Untermalung versteht. Und dann war da noch meine enthusiastische Körpersprache. Letztere brachte mich meistens am weitesten. Ansonsten ist Kreativität gefragt. Als ich mit der gesamten Großfamilie auf einem Reisfeld vor den Gräbern meiner Ahnen stand, wollte ich wissen, ob mein Onkel nach seinem Tod auch hier begraben wird. Mein Vokabular gab aber nur folgendes her: „Onkel-Gute Nacht-hier-nein?" Tja, so sahen meine täglichen Konversationen aus. Alle amüsierten sich köstlich und ich lernte immer mehr dazu.
„Nguoi Viet Nam quai quai" (Mensch-Vietnam-verrückt). Immer wieder schüttele ich den Kopf und murmele diesen Satz vor mich hin. Das Komische ist nur, die Viets halten uns „Wessis", wie wir gerne beschimpft werden, auch für quai quai und lachen uns ständig aus. Ja, die Viets sind ein äußerst diskriminierendes Volk.
Dabei tun wir doch ganz normale Sachen wie zum Beispiel BH's kaufen gehen. Als wir inmitten der Maximizer und Push-Up BHs nicht fündig wurden, gestanden wir der Verkäuferin die gesuchte Körbchengröße: Größe C (das galt für meinen Besuch aus Deutschland). Danach ließen wir genug Zeit verstreichen, damit die typisch vietnamesisch flachbrüstige Angestellte in Ruhe ihre Gesichtszüge entgleiten lassen konnte. Nachdem ihre Augen die Größe von japanischen Manga-Augen erreicht hatten, schob ich dem Ganzen einen Riegel vor und fragte noch einmal, ob sie einen BH in dieser Größe im Sortiment hatte. Immer noch unter Schock stehend, zeigte sie mit dem Finger auf die Tür. Na gut, verstanden. Nach drei solcher Erfahrungen gaben wir es auf.
Wessis quai quai. Das dachte sich auch das nächste Vietopfer, das uns begegnete. Während ich mit zwei deutschen Frauen unterwegs war, wurde ich von einer 50-jährigen Vietnamesin gefragt, ob eine dieser beiden deutschen Frauen verheiratet wäre. „Ja", antwortete ich „mit der anderen Frau." Die Gesichtszüge brauche ich ja nicht mehr zu beschreiben. Ich sage nur so viel, sie drehte sich um und ging. Das Blöde war nur, dass wir uns auf einem kleinen Boot befanden und sie nicht weit kam. Das sah sie dann wohl auch irgendwann ein, verfiel in tiefes Grübeln und gesellte sich dann irgendwann wieder zu uns, als wäre nichts gewesen. Ich glaube, ihr Weltbild hat sich an diesem Tag verschoben.
Auch sonst machen wir alles falsch. Wir schälen das Obst in die falsche Richtung, wir waschen das Geschirr mit warmem Wasser, wir haben Angst vor wackeligen Brücken, wir kochen Spaghetti mit KnorrFix und ich für meinen Teil wecke meinen Cousin nachts um eins, weil ich nicht schlafen kann. Wie denn auch! Die Kakerlake war in meinem BETT!!! Während der ganzen nächtlichen Tötungsaktion lachte mein Cousin unentwegt. Ich verstehe gar nicht, was daran so lustig sein soll. Das Ding war riesig groß, hatte einen fiesen Blick und die Schreie, die ich ausstieß, während ich im Zimmer hin- und herrannte, konnte ich einfach nicht unterdrücken. Nein, ich weiß wirklich nicht, warum er so lachte.



Auch an der Uni durfte ich mich in Aufmerksamkeit sonnen. Meine neuen Mitstudenten schienen noch nie einen echten Ausländer gesehen zu haben. Wenn ich vor dem Kurs etwas präsentieren sollte, wurden alle mucksmäuschenstill und lauschten, als hätte ich soeben die Ho-Chi-Minh-Philosophie erfunden. Auf dem Campus war ich schon bekannt wie ein bunter Hund und in den Pausen wurde ich regelrecht bestürmt mit interessierten Fragen und freundlichen Angeboten. Nur schwer ließ sich anfangs herausfinden, wer meine Freunde werden könnten. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Einladungen zum Essen auf einmal gehabt.
Und beim Essen gibt es in Vietnam keine Grenzen. Die Viets lassen nichts vom Tier übrig. Da pult die Mutter genüsslich um das Auge eines Hühnerkopfes herum, während die Kinder sich darum streiten, wer heute das Karpfenhirn aussaugen darf. Der Vater löffelt ungerührt ein halb ausgebrütetes Entenei aus und als ich sehe, wie ein noch durchsichtiger Schnabel in seinem Mund verschwindet, muss ich mich kurz entschuldigen. Hundefleisch, Schildkröte und Schnecken waren da noch die angenehme Seite. Ansonsten kocht der Vietnamese sehr lecker und gesund mit viel Gemüse. Natürlich ist der Reis allgegenwärtig. Wenn man zum Essen bittet oder auch nur über Essen im Allgemeinen redet, sagt man „an com" (essen-Reis), selbst wenn es Glasnudeln gibt. „An pho" (essen-Nudelsuppe) bedeutet umgangssprachlich auch „fremdgehen" und trägt immer wieder zur allgemeinen Erheiterung bei.
So sympathisch das Essen, so gewöhnungsbedürftig die brutale Ehrlichkeit der Viets. „Richtig hässlich ist die", so redete mein Onkel von der neuen Frau seines Bruders „findest Du nicht auch?" Sie hat ein Muttermal auf der Wange und außerdem ist sie eh zu jung für ihn. Und ich, die Studentin aus Deutschland, war einfach nur fett. Probeweise kniffen mir gelegentlich wildfremde Menschen in die dicken Oberarme und in meine ausladenden Waden, um zu sehen, ob diese Ausmaße wirklich echt sein konnten. Und dann wurde wieder kommentiert: „Richtig fett!" Hm, dankeschön. Dass schon Kinder ab zwei Jahren, begeistert mit dem Finger auf mich zeigten und „Wessi, Wessi" rufen, hörte ich schon gar nicht mehr. Meine Vietfreunde versuchen mir weiszumachen, diese Ehrlichkeit wäre ein Ausdruck von Interesse. Ja, interessiert waren die Viets tatsächlich.
Um nicht zu sagen neugierig. Unverhohlen starrten sie jedem, der anders ist, hinterher. Nicht nur ich wurde dabei inspiziert, sondern auch all meine Habseligkeiten. Im Zug mussten erst sämtliche Sitznachbarn mein Briefpapier für gut befinden, bevor ich weiter schreiben durfte. Und was die fleißigen Vietdetektive sonst noch interessierte, das erfragten sie sich in einem strengen Verhör. Ich weiß nicht, wie viele fremde Menschen in Vietnam bereits meinen gesamten Lebenslauf herunterbeten können. Zumal ich ihn nur einmal am Mangostand, stellvertretend für den ganzen Markt, erzählen musste. Die nette Frühlingsrollenverkäuferin ganz am anderen Ende fragte mich dann schon, wie alt denn die Kinder seien, die meine Mutti in Deutschland unterrichten würde. Gut für sie, dass sie nicht in Vietnam wohnt, denn...
Wenn Ihr eine Frau in Vietnam seid, ist eigentlich Schluss mit lustig. Im Optimalfall zieht Ihr zur Hochzeitsnacht bei den Eltern Eures Bräutigams ein. Es reicht aber auch, wenn sie in der Nähe wohnen und von Euch erwarten, so schnell wie möglich Kinder zu zeugen. In regelmäßigen Abständen wird nachgefragt, ob Ihr schon schwanger seid. Wenn die Kinder dann endlich da sind, habt Ihr richtig Spaß. Nach der Vollzeitarbeit rauscht Ihr auf den Markt, um jeden Tag frisch einzukaufen. Mit schreienden Kindern zwischen den Beinen kocht Ihr stundenlang am Herd. Nach dem Essen wird wieder klar Schiff gemacht und den Kindern hinterher geräumt.
Bis in den späten Abend hinein übt Ihr lesen und schreiben mit den Kleinen, bis entweder Ihr oder die Kinder erschöpft umfallen. Und die gute Nachricht: Der nächste Tag sieht genauso aus. Dies führt dazu, dass Ihr die Fähigkeit verliert, Euch selbst mal etwas zu gönnen und selbst in einer ruhigen Minute einfach noch einmal den Boden putzt oder ein bisschen die Kinder anschimpft. Dafür entwickelt Ihr eine neue Fähigkeit: nämlich geduldig alle Beanstandungen der Schwiegereltern hinzunehmen und zu sagen „ja, ich verstehe", wenn Euch vorwurfsvoll die Haare aus dem Abfluss unter die Nase gehalten werden.
Wenn Ihr ein Mann seid, ist es jetzt Zeit, Euch von Eurer besten Chauvinistenseite zu zeigen. Ihr geht zwar auch arbeiten, aber damit sind all Eure Pflichten auch schon erfüllt. Während Eure traute Frau unten in der Küche versucht, die Kinder unter Kontrolle zu bringen, dreht Ihr Euren Actionfilm einfach ein wenig lauter. Aber das ist ja auch nur gerecht, schließlich musstet Ihr vor der Hochzeit ja genug schuften. Das Ziel Eurer Begierde umwerben, sie ständig einladen, geduldig sein (in jeder Hinsicht!), sie durch die Gegend fahren und artig zu ihren Eltern sein. Da ist es ja jetzt Euer gutes Recht, Euch auch mal ein wenig mit anderen Frauen zu vergnügen. Die eigene genoss doch bereits genügend Aufmerksamkeit. Und sie weiß, dass „Treue des Mannes", was nicht dasselbe ist wie „Treue der Frau", sich in Aktivitäten mit dem Decknamen Massage, Karaoke oder eben Nudelsuppe-essen wieder findet.
Auch wenn vieles in Vietnam nicht in unser deutsches Weltbild passt, so habe ich doch fast nur schöne Erfahrungen machen können und die Wehmut nach diesem faszinierenden Land setzte schon vor meiner Heimfahrt ein, als ich das Mopedhupen noch vor der Tür hatte.
Anne Nguyen




